„Wenn man mit Kindern Karriere machen möchte, muss man sich in der Lage fühlen, sie auch mal abzugeben.“ Katharina Mank

Frau Mank, Sie sind Partnerin bei der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers. Es war sicher ein langer Weg zu diesem Erfolg. Empfanden Sie ihn als steinig, weil Sie sich gegen männliche Konkurrenten haben durchsetzen müssen?

Ja, der Weg zum Partner ist manchmal steinig und die Anforderungen sind sehr hoch. Das ist aber auch richtig, da wir als Partner bei PwC in Deutschland für mehr als 12.000 Mitarbeiter und unsere Kunden eine hohe Verantwortung tragen. Selbstverständlich habe ich mich auf diesem Weg auch durchsetzen müssen. Jedoch nicht speziell gegen männliche Kollegen. PWC achtet bei der gesamten Karriereentwicklung sehr auf den Diversitätsfaktor und ist neutral in diesen Prozessen. Bei der Beförderung haben wir uns bei PwC strenge Richtlinien auferlegt, die sicherstellen, dass im Verhältnis immer ein gleicher Anteil an Männern und Frauen befördert wird. Das gelingt natürlich nur dann, wenn ausreichend Frauen und Männer auf der Karrierestufe und auch die inhaltlichen Voraussetzungen für eine Beförderung erfüllt sind.

Befürworten Sie die Frauenquote?

Auf jeden Fall. Die Quote wird uns helfen, den „Gedanken“ einer Frau als Führungsperson in der Gesellschaft weiter zu etablieren. Unternehmer, die möglicherweise noch nicht so weit sind, werden damit verpflichtet, auch in weiblichen Bewerbergruppen nach einer geeigneten Kandidatin für die Position zu schauen. Je mehr Frauen in diesen Positionen sind, desto normaler wird das Thema in der Gesellschaft und damit auch für Unternehmen.

Bei PWC gibt es eine große Sensibilität für das Thema Diversität. Es wird regelmäßig darauf geachtet, dass genügend Frauen in Entscheidungsgremien sind. Mitarbeiter erhalten Schulungen zum Thema Inclusion und Diversity und es gibt zahlreiche Leitfäden. Chancengleichheit wird hier aktiv gelebt und gefördert. Alle Stellen sind immer auch in Teilzeit ausgeschrieben. PWC achtet darauf, Stellenanzeigen so zu formulieren, dass sie deutlich auch Frauen ansprechen.

Seit kurzem sind Sie Standortleiterin bei PwC in Essen. Das klingt eigentlich nach einer 70 Stunden Woche. 

Ich arbeite in Teilzeit und habe freitags frei. Montag bis Donnerstag arbeite ich Vollzeit. Das ist die Regelung und das wissen auch alle. Bei vielen Kollegen steht bereits in der Emailsignatur, dass sie flexibel arbeiten. In meinem Team habe ich noch im Oktober eine Managerin befördert, die zu der Zeit noch in Elternzeit war und seit ihrer Rückkehr im Januar nur bis mittags da ist. Bei uns sind alle Modelle möglich. In unsere Kostenstelle arbeiten beispielsweise von 16 Partnern 4 in Teilzeit, 2 Männer und 2 Frauen.

Sie haben 2 Kinder. Teilen Sie sich die sogenannte „Care-Arbeit“ mit Ihrem Mann?

Wir haben eine großartige Haushaltshilfe, die auch auf die Kinder aufpasst.  Mein Mann arbeitet, genau wie ich, in Teilzeit und ist meist am Nachmittag ab 17 Uhr für die Familie zuständig. Wenn vormittags in der Schule Elternunterstützung benötig wird, erlaubt mir das flexible Arbeitszeitmodell bei PwC mir freizunehmen und am Abend länger zu arbeiten.

Wie lange waren Sie in Elternzeit?

Beim ersten Kind habe ich 10 Monate Elternzeit genommen, mein Mann vier Monate. Wir waren davon 2 Monate gemeinsam in Neuseeland. Beim 2. Kind war ich 5 Monate in Elternzeit.

War es für ihren Arbeitgeber problematisch, als sie sagten, Sie würden nach der Elternzeit  nicht in Vollzeit zurückkehren?

Ich habe bei PWC nie in Vollzeit gearbeitet und wurde damals bei PwC als Senior Managerin in Teilzeit eingestellt. Meine Arbeitszeit lag immer zwischen 30 und 36 Stunden.

Dann verstehe ich es richtig, dass Sie den Weg zur Partnerin mit beiden Kindern gegangen  sind?

Ganz genau. In Teilzeit.

Sie mussten sich bei den internen Bewerbungsprozessen zur nächsten Karrierestufe gegen  viele andere Bewerber durchsetzen. Wie haben Sie das in Teilzeit geschafft?

Zum einen braucht man interne Netzwerke. Daneben ausreichend Menschen, die Fürsprache für einen halten; intern und extern.  Ich verkaufe mit meinem Team eine Dienstleistung für unsere Kunden. Das bedeutet, ich muss unsere Kunden mit höchster Qualität und zu ihrer Zufriedenheit bedienen.

Wann ich das mache und wie viel Zeit ich dafür aufbringe, ist im Grunde egal. Wenn wir in einem Team Erfolge erreichen und unsere Kunden glücklich sind, dann stimmen auch die Zahlen und die Mitarbeiter sind zufrieden. In diesem Gefüge muss man sich bewegen. Ich bin der Auffassung, dass „immer mehr“ nicht unbedingt zu was Besserem führen muss.

Natürlich haben wir in der Beratung nicht dieselben Arbeitszeiten wie andere und müssen auch mal abends zur Verfügung stehen. Mit einem agilen Team lässt dich das aber erfolgreich managen.

Ich nehme an, dass Sie nicht 24 Stunden erreichbar sein können und wollen. Wie gehen Sie  in Ihrer Freizeit mit einem läutenden Handy um?

Zunächst habe ich eine Assistenz, die sich in meiner Abwesenheit um das Telefon und die Emails kümmert.  Ich habe zwei Handys und nehme das Diensthandy nicht überall hin mit. Aber, wenn es klingelt und ich Zeit habe, nehme ich den Anruf an.  Es ist Teil meines Berufs für meine Kunden und mein Team da zu sein und meine Kinder sind damit aufgewachsen. Aber es ist nicht so, dass ich nach Hause komme und die ganze Zeit arbeite. Notfalls teile ich dem Anrufer mit, dass ich nur kurz Zeit habe. Wichtig ist die Verlässlichkeit für meinen Kunden und für das Team, einen Ansprechpartner zu haben.

Kam es für Sie in Frage, Ihren Kinderwunsch gegen die Karriere zu tauschen?

Ich habe mir diese Frage nie gestellt. Ich bin aber auch bei (männlichen) Chefs „aufgewachsen“, bei denen das nie zur Diskussion stand.

 Sahen Sie sich im privaten Umfeld mit Vorwürfen konfrontiert?

Von guten Freunden nicht, auch wenn es dort einige Vollzeitmütter gibt. Aber interessanter Weise von vielen jüngeren Kollegen und Menschen, die man eher als Bekannte bezeichnet.  Meine Kollegin sagte neulich noch: „Rabenmutter ist ein deutsches Wort.“ Das fängt an bei dem Spruch: „Wo sind denn jetzt beim Abendessen deine Kinder?“ Die essen jetzt mit ihrem Papa Abendbrot. „Und das kann der?“ Ja, warum soll er kein Butterbrot schmieren können?!  Das ist auch eine Unverschämtheit gegenüber den Männern! Bis hin zu Aussagen, die sich gar nicht unbedingt direkt gegen mich richten: „Ich verstehe nicht, warum man Kinder bekommt, wenn man sich gar nicht um sie kümmern kann und sie den ganzen Tag abgibt.“ Das ist der größte Druck, den Frauen empfinden. Denn „die gute Frau“ bleibt einfach noch zu Hause. Das ist noch tief im inneren unserer Gesellschaft verankert und wandelt sich erst ganz allmählich. Meine Mutter war Lehrerin und hat immer gearbeitet. Wenn man aus Strukturen kommt, in denen es so vorgelebt wird, gehört es von Beginn an dazu.

Was ist ihr Geheimtipp für ambitionierte Frauen mit Karriere- und Familienwunsch?

Das Geld für eine Hilfe auszugeben. Als meine zweite Tochter geboren wurde und ich bereits Senior Managerin war, bat ich eine erfahrene Partnerin um Rat und sie sagte: „Gib dein ganzes Geld für deine Hilfe aus. Nachher zahlt es sich aus.“ Denn Frauen dürfen nicht unbewusst oder ungewollt in die Teilzeitfalle oder Hausfrauenfalle geraten, weil die Karriereentwicklung dann selbstverständlich stehen bleibt. Vor allem aber bin ich als Frau für mich selbst verantwortlich und muss Dinge einfordern. Viele Frauen belastet der starke gesellschaftliche Druck und sie denken, sie müssen mit den Kindern zu Hause bleiben oder eine Teilzeitstelle anzunehmen. Wenn man mit Kindern Karriere machen möchte, muss man dem standhalten und sich in der Lage fühlen, das Kind auch mal abzugeben. Wenn man das nicht kann, ist das möglicherweise nicht der richtige Weg.  Das ist eine persönliche Lebensentscheidung. Bei einer Lebensentscheidung kann ein Unternehmen nicht unterstützen. Aber das Unternehmen ist dazu verpflichtet, die Entscheidungen möglich zu machen, zu akzeptieren und zu unterstützen.

Was würden Sie anderen Unternehmen empfehlen, die sagen, dass Karriere in Teilzeit schwierig ist.

Einfach Ausprobieren. Und wenn man unsicher ist, andere (Frauen) bitten, ob sie das Unternehmen begleiten. Role Models gibt es genug.

Die Unternehmen werden es zudem ausprobieren müssen, denn es wird einen weiter steigenden Fachkräftemangel geben. Viele junge Kollegen – und eben nicht nur Frauen – möchten gerne in Teilzeit arbeiten oder ein Sabbatical in Anspruch nehmen. Wir erleben das gerade bei einer ganzen Generation, die nicht mehr bereit ist, ihr ganzes Leben für die Arbeit zu opfern.

Wenn sie Familienministerin wären, was würden Sie ändern?

Das größte Problem ist meines Erachtens die Kinderbetreuung. Sie muss kostenlos werden und größere Zeiträume abdecken. Und das auch für Menschen, die sich finanziell keine private Hilfen leisten können, aber arbeiten wollen oder müssen.  Nehmen Sie das Beispiel von Leuten im Schichtdienst. Kindergärten in Deutschland öffnen, wenn man Glück hat, von 7-17.30 Uhr. Wenn der Beruf es verlangt, dass ich um 6 Uhr meine Schicht beginne, kann ich nicht arbeiten. Betroffen sind häufig wichtige soziale Berufe oder Berufe der Daseinsfürsorge. Für die begrenzten Öffnungszeiten ist manchmal eine Begründung, dass Kinder nicht 24 Stunden am Tag abgegeben werden sollen. Das sehe ich auch so. Aber manche Berufsgruppen benötigen eben eine Betreuung ab 6 Uhr.

Ihr persönliches Geheimnis zum Erfolg?

Meine Kollegin meint, es ist mein Charisma. Mein Mann ist sich sicher, dass es mein diplomatisches Geschick ist und ich persönlich sage: ich bin ehrlich und direkt. Ich verschwende nicht viele lange Worte, sondern spreche die Themen an, wie sie sind. Die Guten und die Schlechten. Damit bringe ich die Dinge voran. Vor allem aber, habe ich immer meine Bedürfnisse mitgeteilt und eingefordert.